Die meisten kennen die Costa Blanca von unten. Sonnenschirme, Strandpromenaden, das türkisfarbene Mittelmeer. Doch zwischen den Küstenstädten erheben sich Berge, thronen Leuchttürme auf zerklüfteten Klippen und ragen Wolkenkratzer in den Himmel. Eine Reise nach oben offenbart eine andere Costa Blanca – spektakulär, überraschend und voller Weitblick.
Der Peñón de Ifach: 332 Meter purer Ehrgeiz
Schon von weitem dominiert er die Silhouette von Calpe: ein massiver Kalksteinfelsen, der sich wie ein gestrandeter Wal aus dem Mittelmeer erhebt. Der Peñón de Ifach ist Wahrzeichen und Herausforderung zugleich – und wer hinaufsteigt, wird belohnt.
Der Wanderweg beginnt gemächlich, schlängelt sich durch mediterrane Vegetation, wo Rosmarin und Thymian in der Sonne duften. Doch bald wird der Aufstieg steiler, die Stufen unregelmäßiger. Dann kommt der Tunnel – ein dunkler, feuchter Durchgang durch den Fels, der an manchen Stellen so eng ist, dass man sich durchzwängen muss. Eine Taschenlampe ist hilfreich, gutes Schuhwerk unerlässlich.
Nach dem Tunnel öffnet sich die Landschaft dramatisch. Der letzte Aufstieg führt über Felsplatten, gesichert durch Seile. Die Beine brennen, der Schweiß rinnt. Doch dann, nach etwa anderthalb Stunden, steht man oben. 332 Meter über dem Meer. Der Wind pfeift, die Möwen kreisen, und der Blick schweift von den Küstenstädten bis zu den Bergen des Hinterlands. Calpe liegt tief unten, die Bucht glitzert, und man spürt: Jeder Schweißtropfen hat sich gelohnt.
Leuchtturm Albir: Der Weg ist das Ziel
Ganz anders präsentiert sich der Wanderweg zum Leuchtturm von Albir. Hier geht es nicht um alpine Herausforderungen, sondern um nachhaltiges Wandervergnügen. Die Route trägt die Blaue Flagge – eine Auszeichnung für besonders gepflegte und umweltfreundliche Wanderwege.
Die knapp fünf Kilometer vom Strand in Albir hinauf zum Far d’Albir sind breit, gut markiert und für Familien geeignet. Links erstreckt sich das endlose Blau des Mittelmeers, rechts erheben sich die steilen Klippen der Serra Gelada. Der Weg führt durch niedrige Kiefern und über Felsplatten, auf denen Eidechsen in der Sonne dösen.
Mit jedem Schritt wird der Ausblick spektakulärer. Altea mit seinen weißen Häusern und der blauen Kuppelkirche schmiegt sich malerisch ans Ufer. In der Ferne zeichnet sich die Hochhaus-Skyline von Benidorm ab. Nach etwa eineinhalb Stunden erreicht man den weißen Leuchtturm, der majestätisch über den Klippen thront. Von hier oben – 300 Meter über dem Meer – reicht der Blick bis nach Calpe. Tief unten schimmert das Mittelmeer in unzähligen Blautönen. Wer Glück hat, sieht Delfine durch die Wellen gleiten.
Die Windmühlen von Jávea: Weiße Wächter über der Bucht
Von der Küste wenige Kilometer ins Hinterland, und die Zeit scheint sich zu verlangsamen. Auf den Hügeln über Jávea thronen die alten Windmühlen wie weiße Wächter aus vergangenen Jahrhunderten. Jahrhundertelang haben sie hier Korn gemahlen, angetrieben vom Wind, im Rhythmus der Natur.
Heute stehen sie still, ihre Flügel bewegen sich nicht mehr. Doch ihre Botschaft ist geblieben: Entschleunigung. Hier oben, zwischen den restaurierten Mühlen, kann man innehalten. Der Blick schweift über Weinberge und Orangenhaine, über die Bucht von Jávea bis zu den markanten Gipfeln des Montgó-Massivs im Hinterland.
Die Mühlen sind leicht mit dem Auto erreichbar, und es kostet keinen Eintritt, sie zu besuchen. Besonders am späten Nachmittag, wenn die untergehende Sonne die weißen Mauern in warmes Gold taucht, entfaltet sich hier eine besondere Magie. Es ist ein Ort für stille Momente, für Fotografen und für alle, die verstehen, dass Reisen manchmal bedeutet, einfach nur dazusitzen und zu schauen.
Benidorm: Manhattan am Mittelmeer
Der Kontrast könnte nicht größer sein. Von den stillen Windmühlen hinunter zur Küste – und plötzlich ragen Dutzende Wolkenkratzer in den Himmel. Benidorm, das „Manhattan der Costa Blanca“, hat die höchste Hochhausdichte Europas, gemessen an der Einwohnerzahl. Ein vertikales Wunderland.
Und mittendrin: das Intempo. Mit 192 Metern ist es Spaniens höchstes Wohngebäude. Seine beiden goldenen Türme prägen die Skyline wie moderne Kathedralen, sichtbar von weitem. Zwar ist das Intempo selbst nicht für Touristen zugänglich, doch die Stadt bietet Aussicht ohne Ende. Von zahllosen Rooftop-Bars, Hotels und Restaurants schweift der Blick über die endlose Küste, die Bucht, die Berge.
In den Skybars verschmilzt urbanes Leben mit mediterranem Flair. Man sitzt auf bequemen Loungemöbeln, einen kühlen Drink in der Hand, während die Sonne langsam ins Meer sinkt. Die Lichter der Stadt beginnen zu funkeln, das Meer schimmert golden. Höhenrausch der entspannten Art.
Benidorm polarisiert. Die einen lieben die Energie, die Skyline, das pulsierende Nachtleben. Die anderen fliehen vor dem Massentourismus. Doch aus der Höhe betrachtet entfaltet die Stadt eine unerwartete Schönheit – ein architektonisches Experiment am Mittelmeer, das zeigt, dass auch Wolkenkratzer Highlights sein können.
Burg von Denia: Wo Geschichte Perspektive schenkt
Burg von Denia – Alexander Gresbek
Weiter nördlich thront über der Hafenstadt Denia eine Burg mit bewegter Vergangenheit. Phönizier, Römer, Mauren – sie alle haben hier ihre Spuren hinterlassen. Die Mauern erzählen mehr, als sie zeigen. Die Zeit hat an den alten Steinen genagt, vieles ist Ruine, nur wenig perfekt restauriert.
Doch die Burg ist einen Aufstieg wert. Nicht wegen der Architektur, sondern wegen des Ausblicks. Von den Zinnen schweift der Blick über die gesamte Stadt, über den geschäftigen Hafen, wo täglich Fähren nach Ibiza ablegen, über die verwinkelten Gassen der Altstadt bis zum mächtigen Montgó-Massiv. Auf der anderen Seite glitzert das Meer bis zum Horizont.
Der Eintritt kostet wenige Euro, und die meisten Touristen eilen durch die Ruinen. Doch wer sich Zeit nimmt, findet ruhige Ecken, alte Zisternen, verwachsene Mauern. Hier kann man sitzen, schauen, nachdenken. Geschichte mit Weitblick. Manchmal sind es eben nicht die perfekten Kulissen, die beeindrucken – sondern die Perspektive, die sie uns schenken.
Costa Blanca: Eine Frage der Perspektive
Die Reise von oben zeigt eine Costa Blanca, die viele nie sehen. Majestätische Gipfel, Leuchttürme über zerklüfteten Klippen, Wolkenkratzer am Meer, alte Windmühlen im Wind. Zwischen den bekannten Stränden liegt eine vertikale Dimension, die überrascht und belohnt.
Ob man nun Wanderschuhe schnürt für den Peñón de Ifach, gemächlich zum Leuchtturm Albir spaziert, bei den Windmühlen innehält oder in einer Skybar den Sonnenuntergang genießt – hier oben erlebt man die Costa Blanca neu. Mit Weitblick. Mit frischer Luft. Mit der Erkenntnis, dass manche Perspektiven erst aus der Höhe sichtbar werden.
Die Costa Blanca bleibt sich dabei immer treu: mediterran, sonnenverwöhnt, überraschend vielfältig. Nur eben manchmal – von oben betrachtet.

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